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Im Gespräch
Platz für die Energiewende
Die Energiewende braucht nicht nur Technologien, sondern auch Platz. Genau dieser ist in der Schweiz knapp. ETH-Professorin Adrienne Grêt-Regamey erklärt im Interview, warum es bei erneuerbaren Energien nicht nur um die Produktion geht.
Frau Grêt-Regamey, wenn wir über die Energiewende sprechen, reden wir oft über Technologien. Doch welche Rolle spielt dabei das Thema Raum?
Das Thema Raum ist omnipräsent. Gerade in der Schweiz ist Fläche knapp. Auf praktisch jeder Parzelle kommen unterschiedliche Ansprüche zusammen. Sobald Energieproduktion Raum beansprucht, entstehen Konflikte. Und diese entscheiden oft darüber, ob Projekte umgesetzt werden oder nicht.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien braucht Fläche. Haben wir genügend davon?
Ja. Unsere Untersuchungen zeigen das eindeutig. Für die Energiewende braucht es bis 2050 rund 45 Terawattstunden aus erneuerbaren Energiequellen wie Photovoltaik, Windenergie oder Biomasse. Das entspricht etwa 60 Prozent des erwarteten Schweizer Strombedarfs im Jahr 2050. Etwa zwei Drittel davon könnten von PV-Anlagen auf Dächern und bestehender Infrastruktur kommen. Für den Winterstrom braucht es aber auch ein weiteres Drittel, wofür Wind- und Solaranlagen auf Freiflächen entstehen müssen. Genau dort werden die Konflikte grösser.
Heisst das, wir müssen zwangsläufig fruchtbare Böden oder wertvolle Naturräume opfern?
Nein. Wind- und Solaranlagen führen nicht automatisch zu einer grossen Versiegelung. Unsere Analysen zeigen: Selbst wenn man Ackerböden und Wälder ausschliesst, bleibt immer noch sehr viel Potenzial. Und wenn man zusätzlich die wertvollsten 30 Prozent der Flächen für die Biodiversität und die wertvollsten 30 Prozent der Flächen für Landschaftsschutz reserviert, reicht es noch immer deutlich. Die eigentliche Herausforderung ist also weniger ein physischer Mangel an Fläche als die Frage, welche Nutzungen wir wo zulassen wollen.
Für die Energiewende braucht es bis 2050 rund
45
Terawattstunden aus erneuerbaren Energien
Das entspricht etwa
60
%
des erwarteten Schweizer Strombedarfs im Jahr 2050
Energieproduktion, Landwirtschaft, Biodiversität, Erholung, Siedlungsentwicklung: Alles beansprucht Raum. Wie geht man mit diesen Konkurrenzsituationen um?
Bei der Energiewende wird es immer Gewinner und Verlierer geben. Es gibt Konflikte, das lässt sich nicht verneinen. Entscheidend ist deshalb, wie Prioritäten gesetzt werden und wie die Bevölkerung an solchen Entwicklungen mitwirken kann. Konflikte müssen früh sichtbar gemacht und gemeinsam ausgehandelt werden, um lokale Akzeptanz zu fördern.
Welche Rolle spielen Emotionen für die Akzeptanz von Projekten?
Sie sind enorm wichtig. Das haben wir hier in diesem Raum untersucht (zeigt auf die Visualisierung hinter sich). Wir haben verschiedene Landschaften visualisiert – mit PV-Anlagen sowie mit Windrädern und der dazugehörigen Geräuschkulisse. Unsere Studien zeigen: Menschen akzeptieren Eingriffe eher dort, wo bereits Infrastruktur vorhanden ist. In unberührten, archaischen Landschaften hingegen ist die Ablehnung deutlich grösser. Wer sich stark mit einer Landschaft identifiziert, reagiert sensibler auf Veränderungen.
Die Frage ist nicht, ob wir eingreifen, sondern wie verantwortungsvoll wir das tun und wo es sinnvoll ist.
Viele befürworten erneuerbare Energien. Aber nicht vor der eigenen Haustür. Woran liegt das?
Oft fehlt eine konkrete Vorstellung davon, was ein Projekt bedeutet. Sobald klar wird, dass sich eine Landschaft stark verändern könnte, reagieren Menschen emotional. Deshalb braucht es ehrliche, transparente Kommunikation und echte Mitwirkungsmöglichkeiten. Nicht erst am Ende, sondern früh im Prozess. Menschen müssen verstehen, sehen und diskutieren können, was geplant ist. Beteiligung heisst auch, Varianten beurteilen zu können und Einfluss zu nehmen. Erst dann entsteht das Gefühl, Teil der Lösung und nicht nur Opfer der Veränderung zu sein. Menschen wollen nicht nur informiert, sondern gehört werden.
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Die Energiewende verlangt Tempo, Raumplanung ist oft langsam. Wie passt das zusammen?
Ein gut gemachter, partizipativer Prozess braucht Zeit. Er ist dennoch oft schneller als Projekte, die später durch Einsprachen gestoppt werden. Es braucht klare Vorgaben durch Gesetze und gleichzeitig echte Mitwirkung durch die Bevölkerung. Wenn Menschen das Gefühl haben, mitgestalten zu können, steigt die Chance, dass Projekte umgesetzt werden.
Wer soll letztlich entscheiden, wo Energie produziert wird?
Das ist ein Zusammenspiel auf verschiedenen Ebenen. Auf Bundesebene gibt es Vorgaben durch das Energiegesetz, Kantone können strategische Räume definieren, Gemeinden konkretisieren diese und setzen sie um. Und dort muss die Bevölkerung miteinbezogen werden. Sie muss verstehen, weshalb gerade dort der beste Standort liegt und welche Alternativen sich bieten.
Wie helfen Planungsinstrumente, Konflikte früh zu entschärfen?
Digitale Plattformen ermöglichen es heute, verschiedene Interessen wie etwa Energiepotenzial, Biodiversität oder Landschaftsschutz abzuwägen. Mit dem Webtool «Swiss SolarWind Explorer» haben wir ein digitales Instrument entwickelt, das diese Kriterien visualisiert und aufzeigt, wo konfliktarme Standorte liegen. Solche Grundlagen schaffen Transparenz und helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Ebenso wichtig ist eine frühe Vorstellung davon, wie eine Landschaft künftig aussehen könnte, denn das erhöht die Akzeptanz.
Gibt es aus Ihrer Sicht einen sinnvollen Grundsatz wie «Dächer zuerst, dann Infrastrukturen, dann Freiflächen»?
Dächer sind sehr wichtig, aber sie reichen allein nicht aus. Hinzu kommt, dass der Ausbau auf Dächern von den Eigentümerinnen und Eigentümern abhängt. Auf kleineren Dach- und Infrastrukturflächen sind PV-Anlagen derzeit oft noch zu teuer. Wir können nicht nur eine Strategie fahren. Mit einer starren Reihenfolge würden wir noch langsamer vorwärtskommen, als wir das jetzt schon tun. Wir müssen mehrere Strategien gleichzeitig verfolgen.
In der Debatte heisst es oft: Klimaschutz geht vor Landschaftsschutz. Stimmen Sie zu?
Das muss Hand in Hand gehen. Wenn wir das eine gegen das andere ausspielen, schaden wir langfristig beiden. Es gibt durchaus Standorte, an denen sich beide Ziele verbinden lassen – etwa in der Nähe bestehender Infrastrukturen wie Skigebieten oder Stauseen. Mit guter Gestaltung und dem Einbezug von Architektinnen und Architekten lassen sich Anlagen so anordnen, dass sie sich besser in die jeweilige Landschaft einfügen. Beim Projekt «Madrisa Solar» in Klosters wurden die PV-Module gezielt hinter dem Wald platziert, sodass sie aus der Ferne wie Waldstücke wirken.
Können erneuerbare Energien auch eine Chance für die Landschaft sein?
Man sollte nichts beschönigen: Es sind meistens Eingriffe. Aber wir gestalten unsere Landschaft ohnehin ständig. Egal ob Strassen, Siedlungen oder Kraftwerke. Die Frage ist nicht, ob wir eingreifen, sondern wie verantwortungsvoll wir das tun und wo es am sinnvollsten ist. Es sind Eingriffe, die wir brauchen, um unabhängig zu bleiben und unsere Klimaziele zu erfüllen. Wir können nicht alles von ausserhalb beziehen.
Wie sieht unsere Landschaft aus, wenn Sie 2050 durch die Schweiz reisen?
Ich hoffe, dass wir den Mut haben, auch grössere Projekte umzusetzen. Nicht nur Solar- oder Windanlagen, sondern auch im Bereich der Wasserkraft. Überall kleinere Eingriffe finde ich problematischer als einzelne grössere und entscheidende Projekte.
Zur Person
Prof. Dr. Adrienne Grêt-Regamey ist Umweltwissenschaftlerin und Landschaftsplanerin. Seit 2008 ist sie Professorin am Lehrstuhl für Planung von Landschafts- und urbanen Systemen am Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung der ETH Zürich. Dort leitet sie ein internationales und interdisziplinäres Forschungsteam, das an digital unterstützter, partizipativer Landschafts- und Stadtplanung arbeitet.
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